Nelli´s Freund Tom - Teil II

Nellis Freund Tom…

 

Nelli, die kleine Tanzmaus habt ihr ja bereits kennengelernt… sie wohnte in einem fernen Land… Dieses Land war ein Land des Tanzes und der Leichtigkeit. Es war wunderschön und eingehüllt durch Töne, die sich immer wieder zu neuen Liedern formten. Besiedelt wurde es von vielen Tanzmäusen, die eine besondere Art der Lebensfreude ausstrahlten. Jedoch gab es in diesem Land auch eine traurige Tanzmaus. Tom war ein Freund von Nelli, der allerdings ihre unbändige Fröhlichkeit und positive Lebenseinstellung überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Er sah die Dinge anders, er sagte immer: „Sei realistisch, das Leben besteht nicht nur aus Tanz.“ Deshalb ging er auch seit Jahren schon zu keiner Tanzveranstaltung mehr. Er sah die Dinge eher grau als bunt. Ihm kam es vor, als würde sich ein roter Faden mit Unglück und Enttäuschung durch sein Leben ziehen und er fragte sich insgeheim, „Warum immer ich?“ Allerdings glaubte er seit kurzem einen Weg gefunden zu haben, wie er sich schützen könne. „Geh immer vom Schlimmsten aus, dann kannst du nicht enttäuscht werden.“, sagte er eines Abends zu Nelli. „Wie meinst du das?“ fragte sie völlig irritiert, „es gibt doch so viel Schönes auf der Welt. „Schau dich um, siehst du den wunderschönen Sonnenuntergang? Diese herrlichen Farben… ist das nicht schön?“ – „Hm...“, erwiderte er „ein Sonnenuntergang sagt mir, das der Tag schon wieder vorüber ist und wer weiß was morgen wieder auf mich wartet. Und heute ist Vollmond, da kann ich bestimmt wieder nicht einschlafen. Was soll daran schön sein?“ Nelli war von der Einstellung ihres Freundes tief betroffen und egal, was sie an schönen Dingen berichtete, Tom hatte zu jeder Situation, zu jedem Ereignis, zu jedem Bild, das für Nelli wunderschön war, etwas Schlechtes hinzuzufügen. Sie versuchte ihn mit jeglichen Argumenten, die ihr nur einfielen, vom Gegenteil zu überzeugen, doch ohne Erfolg. Jedem Einwand folgte ein Widerspruch, jedem Guten etwas Schlechtes. Sie diskutierten fast die ganze Nacht, bis sie erschöpft und traurig unter freiem Himmel einschliefen.

 

Im Traum erschien Nelli eine alte weise Frau. Sie hatte glitzerndes graues Haar und ihre blauen Augen strahlten sie voller Wärme an. „Hallo Nelli“, sagte die Frau mit einer sehr melodischen, weich klingenden Stimme, „was bedrückt dich so?“ – „Ach“, sagte Nelli, „ich habe einen Freund, der immer nur das Schlechte sieht und ich habe versucht, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Aber egal, was ich versucht habe ihm an Positivem näher zu bringen, er hat immer etwas gefunden, was negativ daran zu sein schien.“ Die alte Frau nickte verständnisvoll. „Nelli, kannst du dich an deine Stolpersteine erinnern, die dich vor langer Zeit daran hinderten zu tanzen und glücklich zu sein? Auch du hast erst lernen müssen, dass alles zwei Seiten hat. Du kannst Dinge, Situationen, Begegnungen positiv betrachten oder negativ. Du kannst Dinge spüren, die andere nicht einmal sehen können.“ – Nelli wusste genau wovon die weise Frau sprach. „Aber wie kann ich Tom dazu bringen, die positiven Seiten zu sehen?“ - „Da du eine von der Natur gegebene, positive Grundeinstellung hast, fiel es dir damals leichter, auch die andere Seite deiner Steine zu betrachten und den positiven Sinn zu erkennen. Aber es gibt auch Mäuse“, erläuterte die Frau, „denen diese Grundeinstellung nicht in die Wiege gelegt wurde. Diese Mäuse müssen erst lernen, andere Sichtweisen überhaupt zu zulassen. Sie müssen erfahren, dass ihnen das Leben ganz viel Positives schenkt. Es ist wie mit festgetrampelten Pfaden, die durch einen Wald führen. Diesen vertrauten Pfad zu verlassen, kostet Überwindung und Mut. Ein neuer Weg muss erst gefunden werden und erst wenn du ihn öfter gegangen bist, entsteht mit der Zeit ein neuer Pfad und es dauert, bis auch dieser Pfad sich vertraut anfühlt.“ Das leuchtete Nelli ein. Dennoch hatte sie noch immer keine Idee, wie sie Tom dazu bringen könnte überhaupt seinen Pfad zu verlassen. Es war als könne die alte Frau Nellis Gedanken lesen, denn sie sagte: „Nelli, du hast versucht, Tom mit Argumenten zu überzeugen.

 

Das funktioniert nur ganz selten. Versuche ihn die Welt mit deinen Augen sehen zu lassen, setze ihm deine Brille auf und zeige ihm, was du siehst. Lass ihn erfahren, erleben und dadurch fühlen, was du fühlst. Er ist und bleibt eine Tanzmaus, auch wenn er schon seit vielen Jahren nicht mehr getanzt hat. Lass es ihn spüren und experimentiere.“ - „Aber wie?“, wollte Nelli wissen. - „Folge dem Ruf deines Herzens und du wirst erkennen, was zu tun ist.“ Nelli schaute zu Boden und musste bei diesem Satz lächeln, denn genau das gleiche hatte der Adler zu ihr gesagt, als sie hinter ihrer Stolpersteinmauer gefangen war. Als sie wieder aufblickte war die alte weise Frau verschwunden. Das Einzige was von ihr blieb, war ein silbern schimmerndes Haar.

 

Als sie erwachte ging gerade die Sonne auf. Ein herrlich anzuschauendes Morgenrot ergoss sich über den Horizont, die Vögel zwitscherten, es roch nach Gras und auf ihrer Haut spürte sie einen leichten Windhauch, der ihr einen wohlig warmen Schauer über den Rücken laufen ließ. In diesem Moment wachte auch Tom auf, der sich murrend streckte, da ihm seine Mäuseknochen wehtaten. Noch bevor er etwas sagen konnte, bat Nelli ihn, sich hier genau um zu schauen und auf alles zu achten, was grün war. Sie bat ihn, sich alles zu merken, jedes kleine Detail. Er wollte etwas erwidern, aber Nelli legte ihm ihren Zeigefinger auf seine Lippen und sagte: „Bitte… nur dieses eine Mal. Es ist ein kleines Experiment.“ Etwas mürrisch dreinschauend tat er ihr jedoch den Gefallen, da sie ihn so lieb anlächelte. Keiner konnte ihr bei diesem Lächeln eine Bitte abschlagen. Also schaute er sich um und betrachtete die Dinge, die ihn umgaben. Es gab viele Dinge die eine grüne Farbe hatten. Die Blätter der Bäume, das Moos am Ende des Stammes bevor die Wurzeln tief in die Erde gingen, das Gras, die Stängel der Blumen und eine kleine Schleife an Nellis Schuhen. „Hast du dir alles genau eingeprägt?“, flüsterte Nelli. Tom nickte nur. Nun bat sie ihn, seine Augen zu schließen. „Ich soll was?“, fragte Tom erstaunt. „Bitte…“, flüsterte Nelli lächelnd. Er rollte die Augen, schloss sie aber dennoch. „Zufrieden?“, murrte er. - „Ja…. Und nun bitte ich dich mir alle Dinge zu nennen, die eine rote Farbe haben.“ – „Rot?“, lachte Tom auf. „Hast du dich in der Farbe vertan?“ Doch Nelli hatte sich nicht vertan und Tom konnte ihr beim besten Willen nichts aufzählen, das rot war. „Öffne deine Augen und schau nach.“ sagte sie kichernd. Tom schaute sich um und war fassungslos. Es gab so viele rote Dinge um ihn herum und er hätte zuvor schwören können, dass keine da waren. Blütenblätter, das wunderschöne Morgenrot, ein kleiner Marienkäfer, der auf dem Baumstamm neben ihm umherkrabbelte. Ja sogar Nellis Schuhe, die mit der kleinen grünen Schleife waren knallrot und doch hatte er sie nicht wahrgenommen. „Tom, du siehst nun die Welt mit meinen Augen und wenn du möchtest zeige ich dir mehr davon. Es ist als würdest du einen neuen Weg beschreiten…. Darf ich dir etwas anvertrauen?“, fragte Nelli. „Selbstverständlich“, raunte Tom, der sich noch immer voller Verwunderung und fast ehrfürchtig alle roten Dinge, die er vorher übersehen hatte, betrachtete.

 

Nelli fasste sich ihr Herz und erzählte Tom von ein paar ihrer Stolpersteine, von dem Tal auf der anderen Seite des reißenden Flusses und von dem Adler, der ihr half, aus dem Tal herauszufinden. Sie berichtete von ihrer wiedergewonnenen Leichtigkeit und wie die positive Sichtweise der Dinge ihr Leben veränderte. Sie erklärte ihm, dass es manchmal nicht leicht sei neue Wege zu gehen und dies am Anfang auch ungewohnt ist und dass sie weiß, dass es teilweise auch unsicher macht, dass es sich aber lohnen kann, neue Wege zu gehen. Außerdem erklärte sie ihm ihr kleines Experiment, das sie mit ihm gemacht hatte. „Alles ist eine Sache der Wahrnehmung. Ich kann mich auf negative Dinge konzentrieren, so wie du es mit der Farbe Grün gemacht hast und dann sehe ich auch nur Negatives. Oder ich kann alle positiven Eindrücke erfassen, dann sehe ich genau dieses Positive. Alles im Leben hat mindestens zwei Seiten und jede negative Seite hat somit eine Positive. Ich muss nur nach ihr Ausschau halten.“

 

Tom fing während dieser Erzählungen von Nelli an zu weinen. Es berührte ihn so sehr, dass Nelli, trotz ihrer nicht zu verachtenden Stolpersteine, eine solche Lebensfreude ausstrahlte und so charismatisch war. Und es machte ihn traurig, dass er viele positive Ereignisse in seinem bisherigen Leben einfach nicht wahrgenommen hatte. Mit jeder vergossenen Träne jedoch stieg seine Neugier darauf, die Welt mit Nellis Augen betrachten zu dürfen. Augen die funkeln wie Sterne am Himmel.

 

„Tom?“ flüsterte Nelli, „in meiner Welt kann ich die Dinge nicht nur betrachten. Ich kann sie auch hören, riechen, schmecken und vor allem fühlen.“ In diesem Moment fiel Tom eine wunderschöne Melodie auf und er nahm all seinen Mut zusammen und fragte: „Nelli…. schenkst du mir diesen Tanz? Ich möchte dich in meinen Armen spüren zum Takt dieser Musik und ich möchte dich riechen dürfen.“ Selbstverständlich schenkte Nelli ihrem Freund Tom diesen Tanz und es folgten Weitere und Tom fühlte sich so leicht und glücklich wie schon lange nicht mehr.

 

 

Jeder kann versuchen seine Wahrnehmung auf schöne und glückliche Momente in seinem Leben zu richten und seine festgetrampelten Wege zu verlassen, um spannende neue Wege zu betreten. Es ist wie das Laufen in neuen Schuhen. Am Anfang fühlt es sich ungewohnt an und die ersten Schritte sind nicht fließend, aber je öfter ich diese Schuhe anziehe, desto vertrauter und sicherer fühle ich mich darin. Viel Spaß beim Beschreiten neuer Wege ;-)

 

Geschrieben von Ellen Brauner