Nelli´s Freundin Lisa - Teil III

Nellis Freundin Lisa

 

Nelli, die kleine Tanzmaus habt ihr ja bereits kennengelernt… sie wohnte in einem fernen Land… Dieses Land war ein Land des Tanzes und der Leichtigkeit. Es war wunderschön und eingehüllt durch Töne, die sich immer wieder zu neuen Liedern formten. Besiedelt wurde es von vielen Tanzmäusen, die eine besondere Art der Lebensfreude ausstrahlten. In diesem Land wohnt auch Nellis Freundin Lisa. Sie war eine zarte Persönlichkeit, die sehr viel Wärme ausstrahlte. Ihre grünen Augen hatten ein Glitzern, das einer Katze glich. Lisa hatte meist gute Laune und tanzte genauso gerne wie Nelli. Die Beiden hatten den gleichen Humor und lachten viel miteinander. Oft sprach die Eine aus, was die Andere dachte und umgekehrt. Wer die Beiden zusammen sah und ein wenig Feingefühl besaß, konnte die tiefe Verbundenheit der Beiden förmlich spüren.

 

Lisa hatte bei einer der Tanzveranstaltungen den Mäuserich Lukas kennen gelernt, der aus der nahe gelegenen Stadt kam und sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Seit ein paar Wochen tanzte sie hauptsächlich grinsend und beschwingt durch das Land. Alles schien ihr wie von selbst von der Hand zu gehen und ihre grünen katzenartigen Augen leuchteten noch mehr als sonst.

 

An einem warmen Sommerabend hatten sich Nelli und Lisa, wie so oft zum Tanzen verabredet. Auf diesen Abend freute sich Nelli ganz besonders, denn ihre Lieblingsband würde heute spielen. Beschwingt und etwas aufgeregt, machte sich Nelli zurecht. Sie hatte sich extra für diesen Abend einen kurzen Rock, Stiefel und ein neues Top gekauft. Aus dem Radio ertönten ein paar schöne Songs, sie wirbelte tanzend durch das Bad und trug den silbergrauen Liedschatten auf, der den Ausdruck ihrer schönen Augen besonders gut zur Geltung brachte. Ebenfalls legte sie ihr Lieblingsparfüm auf und genoss es, die neuen Kleider anzuziehen. Nelli hielt inne und betrachtete sich im Spiegel. Sie schenkte ihrem Spiegelbild ein strahlendes Lächeln. Es gefiel ihr, was sie im Spiegel sah. Sie fühlte sich leicht und … ja, sogar ein wenig anmutig.

 

Mit dieser Leichtigkeit machte Nelli sich auf den Weg zu ihrer Freundin, um sie abzuholen. Als sie bei Lisa angekommen war, stand diese schon in der Tür und winkte Nelli zu. „Wow…“, stieß Nelli aus, „du siehst super aus! Was hast du mit deinen Haaren gemacht?“ – Lisa antwortete kichernd und mit funkelnden Augen. „Ich musste mich ja ins Zeug legen, da ich wusste, dass du heute Abend ebenfalls blendend aussiehst!“ Bevor die beiden Tanzmäuse sich auf den Weg machten, tranken sie noch ein Gläschen Prosecco, was schon so etwas wie ein Ritual zwischen den Beiden geworden war. Nelli nippte an ihrem Glas und musste grinsen, da die aufsteigende Kohlensäure ihre Nase kitzelte. „Ich mag das Prickeln auf meiner Zunge.“, kicherte sie. Lisa schaute nachdenklich zum Fenster hinaus.

 

Irgendwas kam Nelli an diesem Abend seltsam vor, sie konnte es nicht mit Worten beschreiben, es war lediglich ein Gefühl. Irgendetwas irritierte sie. „Ist alles in Ordnung bei dir?“, fragte sie schließlich ihre Freundin. Die nickte nur kurz und prostete ihr lächelnd zu. Deshalb versuchte sie ihr Gefühl zur Seite zu schieben, da die Vorfreude auf den heutigen Abend überwog, denn auch Nelli hoffte insgeheim, einen ganz bestimmten Mäuserich wieder zu sehen, wobei sie nicht genau wusste, ob er an diesem Abend überhaupt erscheinen würde. Aber sie war durch ihre positive Grundeinstellung der Meinung, alles kommt genauso, wie es gut für sie sei. Und deshalb änderte diese kleine Ungewissheit nichts an ihrer ausgelassenen Stimmung. Sie freute sich auf einen Abend mit ihrer Freundin, gefüllt mit Rhythmus, Spaß und vor allem auf eine Nacht voller Bewegung und Tanz. Sie liebte es ihren Körper beim Tanzen zu spüren. Immer wenn sie tanzte war sie ganz bei sich, sie ließ sich einfach nur treiben und genoss die Bewegungen, die ganz von allein ihren Körper durchfluteten.

 

Nachdem die Beiden sich ein paar witzige Geschichten von den letzten Tanzveranstaltungen erzählt und ihre Gläser geleert hatten, war es an der Zeit, sich auf den Weg zu machen. Sie konnten aus der Ferne auch schon den Beat der Band hören. Aufgeheizt von der Lust zu tanzen und den Klängen der Musik, die bei jedem Schritt lauter wurden, tanzten die Beiden schon ausgelassen den Weg hinab zum Festplatz, der im Sommer immer für die Tanzveranstaltungen genutzt wurde.

 

Es war eine herrliche Nacht, die Sterne schienen zum Greifen nah und der abnehmende Mond hatte die Form einer Sichel, deren beide Enden in den Himmel zeigten. Nelli hielt einen kurzen Moment inne und dachte: „An diesen Mond könnte man eine Schaukel hängen um sich über das endlos erscheinende Land hin und her zu schwingen.“ Bei dieser Vorstellung hielt sie verträumt den Kopf zur Seite, atmete bis tief in den Bauch und grinste in sich hinein.

 

Je näher sie dem Tanzplatz kamen, desto nervöser wirkte Lisa und da war es wieder, dieses Gefühl, dass irgendwas nicht stimmte. Ihre Freundin Lisa war eine sehr hübsche und selbstbewusst wirkende junge Tanzmaus, die so leicht nichts aus der Fassung bringen konnte. Auch kannte sie sehr wohl ihre Wirkung auf das andere Geschlecht, sie flirtete gerne, hatte meist einen lockeren Spruch auf den Lippen und war sehr schlagfertig. Doch an diesem Abend war das anders. Ständig kontrollierte sie den Sitz ihrer Frisur und zupfte sich die knallrote Bluse zurecht. Nelli wollte sie gerade darauf ansprechen, als ihnen Lukas entgegenkam. Er schaute einen kurzen Moment zu ihnen herüber, wurde dann von einem seiner Freunde angesprochen und bog sich vor Lachen.

 

Lisa nahm Nellis Hand, zog sie mit und sagte: „Lass uns tanzen…“. Nelli war zwar kurz verwirrt, von der Reaktion ihrer Freundin, wurde aber von dem Rhythmus der Musik in den Bann gezogen. Hier auf der Tanzfläche, waren die Beiden in ihrem Element, sie ließen sich von dem Beat durchströmen, der in all ihren Körperregionen spürbar wurde und gaben sich ihren Bewegungen hin. Es war als würden sie in eine andere Welt abtauchen, alle Gedanken verflüchtigten sich, wie Wolken am Himmel, die vom Wind davon getrieben wurden.

 

Jedoch war auch hier auf der Tanzfläche an diesem Abend etwas anders. Nein… Nelli war sich ganz sicher. Lisa war nicht wie sonst, immer wieder schaute sie sich um und ihre Bewegungen schienen nicht so fließend zu sein. Ihre Leichtigkeit kam gänzlich ins Stocken als Lukas an den Rand der Tanzfläche trat. Er schaute ihr bewundernd beim Tanzen zu. Lukas war ein groß gewachsener Mäuserich mit einer guten Figur, er hatte kastanienbraune Augen und wusste von seiner Wirkung, die er ausstrahlte. Als er lächelnd einen Schritt auf Lisa zuging, tanzte Katy auf ihn zu und streifte mit ihrer Hand über seinen Arm. Als Lisa dies sah, erstarrte sie kurz und rannte dann abrupt in die Nacht. Nelli erstarrte ebenfalls kurz, dann rannte sie ihrer Freundin hinterher.

 

Lisa hatte sich auf die kleine Lichtung unter einen Baum gesetzt und starrte in den Nachthimmel. „So und jetzt raus mit der Sprache.. was ist hier los?“ - „Ich bin echt verwirrt, aber ich glaube die Anderen haben recht!“, stieß Lisa mit einem Seufzer aus. „Wer hat womit recht?“, Nelli verstand gar nichts mehr. Dann erzählte Lisa ihr die ganze Geschichte. Rosi und Lore hatten sie vor Lukas gewarnt. Er sei hinter jedem Rock her und das ganze Leben sei für ihn nur ein Spiel. Es ginge ihm nur um seinen eigenen Spaß und später mache er sich über seine Trophäen bei seinen Kumpels lustig. Er habe noch nie eine feste Beziehung gehabt und würde das auch gar nicht wollen, so wie die meisten Mäusemänner aus der Stadt. „Du hast doch gesehen, wie er über mich gelacht hat, als wir angekommen sind.“, sagte Lisa traurig.

 

Nelli hörte ungläubig zu und konnte gar nicht glauben, was ihre Freundin da erzählte. „Lisa, schau mich an“, sagte sie sanft, „zu allererst, wer sagt dir, dass Lukas über dich gelacht hat? Er wollte gerade zu dir kommen, als ihn sein Freund zurückzog. Du konntest doch gar nicht hören, über was die Beiden gesprochen haben, oder?“ „Nein, aber…“ wollte Lisa gerade ansetzen… Nelli nahm Lisas Hände und schaute in ihre grünen Augen, die sich mit Tränen füllten. „Lisa… kennen Rosi und Lore den Lukas überhaupt?“ Auch dies verneinte Lisa verlegen. „Hey, du hast mir so viel Schönes über eure Begegnungen erzählt, du schwärmtest über euren Umgang miteinander und darüber, wie wohl du dich in seiner Gegenwart fühlst. Kannst du mir verraten, was dein Herz bzw. dein Bauch sagt?“

 

Lisa rollten Tränen über ihr hübsches Gesicht. „Mein Herz sagt, ich möchte ihn kennen lernen.“ Nelli erwiderte darauf: „Dann tu das doch einfach und mache dir dein eigenes Bild. Das machst du doch sonst auch. Ich habe das Gefühl, dass die Meinungen der Anderen deine Wahrnehmung beeinflusst haben und du ihn nicht mehr mit deinen Augen gesehen hast. Gib dir die Chance auf deine eigene Sichtweise und darauf IHN kennen zulernen, wenn du das möchtest.“

 

Nelli nahm Lisa in den Arm und sie saßen eine ganze Zeit einfach nur schweigend da und schauten in den wunderschönen Sternenhimmel, der Nelli an diesem Abend besonders glitzernd erschien. Er war zum Greifen nah und erstreckte sich gleichzeitig in eine unendliche Ferne. Nelli liebte es in der Natur zu sein und diese mit alle ihren Sinnen wahrzunehmen. Und es war genau so eine dieser herrlichen Nächte, die all ihre Wahrnehmungskanäle inspirierte. Die Grillen zirpten, es war angenehm warm, es roch nach frischem Moos und es kam Nelli vor, als würde der leichte Windhauch sanft ihre Haut streicheln. Sie nahm einen tiefen Atemzug, als eine Sternschnuppe am Himmel zu sehen war. Nelli zeigte mit ihrem Finger darauf und drückte ihrer Freundin einen Kuss auf die Wange, über die gerade eine Träne lief. Lisa schaute Nelli dankbar an und flüsterte. „Ich erlaube es mir, auf mein Bauchgefühl zu vertrauen und mir meine eigene Meinung zu bilden, Nelli… ich hab dich lieb, vielen Dank, dass du es mit mir verrücktem Huhn aushältst.“

 

Nelli lachte. „Hey, auch ich kenne solche Situationen. Mir erzählt jemand etwas über einen anderen Menschen oder ein Ereignis und obwohl ich anderer Meinung bin, läuft wie automatisch ein Film ab, der meine Wahrnehmung und Bewertung beeinflusst. Und du darfst dich gerne revanchieren, wenn du das bei mir beobachtest… und Süße: ich hab dich auch lieb“ Das Funkeln in Lisas Augen kehrte langsam zurück und ihre Augen blitzten auf, als sie zu Nelli sagte: „Können wir jetzt tanzen gehen?“ Lachend fielen sich die beiden Freundinnen in die Arme…

 

 

Es geschieht immer wieder, dass wir Meinungen von Anderen übernehmen, ohne uns vom Gegenteil zu überzeugen. Ich wünsche allen viel Spaß dabei, auf ihr Bauchgefühl zu hören und ihre ganz eigenen Erfahrungen machen zu können. Dadurch können wir viele interessante, spannende und besondere Momente erleben und Menschen, die uns etwas bedeuten wirklich kennen lernen :-)

 

Geschrieben von Ellen Brauner