Nellis Ausflug in den Steingarten der Werte

Nellis Ausflug in den Steingarten der Werte...

 

Nelli, die kleine Tanzmaus habt ihr ja bereits kennengelernt… Sie wohnte in einem fernen Land… ein Land des Tanzes und der Leichtigkeit. Es war wunderschön und eingehüllt durch Töne, die sich immer wieder zu neuen Liedern formten. Besiedelt wurde es von vielen Tanzmäusen, die eine besondere Art der Lebensfreude ausstrahlten.

 

Zu Nellis Leben gehörten mittlerweile auch immer wieder Begegnungen mit Ron, dem Mäuserich, zu dem sich Nelli auf ganz besondere Weise hingezogen fühlte. An einem warmen Sommertag waren die Beiden verabredet, sie hatten vor, sich gemütlich auf einer Decke mitten in der Natur niederzulassen und zu picknicken. Also wurden die mit viel Liebe zum Detail vorbereiteten Köstlichkeiten in einen Korb gepackt, die Decken geschultert und die Beiden marschierten los. Sie hatten kein bestimmtes Ziel, sondern waren der festen Überzeugung, dass sie einen schönen Platz für ihr Picknick finden würden. Während des Laufens unterhielten sie sich über dies und das, lachten viel und genossen die Natur.

 

Das Gezwitscher der Vögel, das Summen der Bienen, das Plätschern des kleinen Bachlaufes und das leichte Rascheln des Windes in den Blättern der Baumwipfel hörte sich an, wie eine Melodie. Leicht und Beschwingt nahm Nelli ihre Umgebung wahr und konnte sich gar nicht satt sehen. Sie liebte es in der Natur zu sein und mit all ihren Sinnen diese Eindrücke in sich aufzunehmen. Verträumt nahm sie nun auch wieder die Stimme von Ron wahr. „Hey, wo bist du gerade?“, fragte er spitzbübisch. Nelli lachte „Wo soll ich sein? Hier bei dir, in diesem wundervollen Moment.“, dabei schaute sie Ron tief in die Augen und konnte es immer noch nicht fassen, einen Mäuserich wie ihn getroffen zu haben. Er hauchte ihr einen Kuss auf die Lippen und die beiden versanken einen Moment lang in ein tiefes Gefühl des Wohlbehagens. „Es ist schön, mit dir meine Leichtigkeit zu fühlen.“ flüsterte Nelli. „Hm… ich weiß nicht, was du mit Leichtigkeit verbindest.“ – „Es fließen zu lassen - ohne darüber nachzudenken, ob es richtig oder falsch ist - leicht halt.“, grinste Nelli „Verstehst du was ich meine?“ – „Nicht so ganz.“, gab Ron zu. „Tanzen zum Beispiel verbinde ich mich Leichtigkeit, wenn ich mich zum Takt der Musik bewege, dann bin ich einfach ich, ich brauche nicht darüber nachzudenken, was ich tue, ich bewerte nicht, ich kann es einfach fließen lassen. Das ist wunderschön.“

 

Ron beobachte sie genau, während sie dies erzählte. Nellis Augen blitzten kurz auf… dann rief sie „Fang mich“ und rannte davon. Der kleine Bachlauf brachte sie zum Stocken, also zog sie ihre Schuhe aus, um an die andere Seite des Ufers zu gelangen. Sie blieb mitten im Wasser stehen, denn das Wasser, welches ihre Füße sanft umschmeichelte, fühlte sich angenehm kühl an ihren Füßen an. „Komm… es ist herrlich“ sagte sie zu Ron, der ihr lachend zusah. Grinsend zog auch er seine Schuhe aus und ging direkt auf Nelli zu. „Du bist verrückt“… lachte er „wundervoll verrückt.“ Er nahm sie in seine Arme, hob sie kurz hoch und gab ihr einen Kuss auf die Nasenspitze. Ein paar Wasserläufer tanzten an ihnen vorbei. Nelli genoss diese Augenblicke und vergaß in diesen Momenten alles um sich herum.

 

Doch was war das? Nelli sah an einer Stelle des Baches eine kleine blaue Flasche, die sich an einer Baumwurzel verfangen hatte. Neugierig ging sie auf die Stelle zu. Die Flasche glitzerte im Sonnenlicht und es sah so aus, als wäre in der Flasche ein zusammengerollter Zettel und tatsächlich, es war eine Flaschenpost. Nelli war ganz aufgeregt und freute sich so sehr darüber, dass sie fast gestolpert wäre. Sie taumelte und konnte sich im letzten Moment davor retten eine Bauchlandung im kühlen Nass zu machen. Nelli schüttelte sich kurz, lachte laut auf und nahm die Flasche mit ans andere Ufer. Sie gingen zu der Lichtung mit den schönen roten Blumen in deren Mitte einladend ein großer Flacher Stein lag. Das ist genau der richtige Platz um zu schauen, was die Flasche freigibt, dachte Nelli. Sie öffnete diese erwartungsvoll, entnahm den Zettel und rollte ihn auseinander. „Oh, eine Schatzkarte“, sagte sie laut. Sie drehte und wendete die Karte, ihr Kopf neigte mal zur rechten Schulter, mal zur Linken. Gespannt schaute sie immer wieder auf die Karte und dann sah sie sich um. Kopfschüttelnd tat sie dies einige Male.

 

Ron beobachtete sie gespannt. „Nelli?“, fragt er lachend. „Das ist eine Art Schatzkarte und der Stein auf dem wir sitzen scheint der Ausgangspunkt zu sein… das gibt es doch nicht.“, staunte sie. „Na, dann lass uns doch mal schauen, wohin uns der Weg führt.“, schlug Ron vor. Gespannt folgten die Beiden den eingezeichneten Linien der Karte und wurden an einen ihnen völlig unbekannten Ort geführt. Kurz machte sich ein unbehagliches Gefühl in Nellis Halsgegend breit, aber ihr Bauchgefühl signalisierte ihr, es sei alles in Ordnung. Sie nahm Rons Hand und ging weiter.

 

An der Stelle der Karte, an der ein dickes rotes Kreuz eingezeichnet war, erblickten die Beiden lediglich einen großen, uralten, aber prächtig gewachsenen Baum. Nelli schaute Ron an und lies sich erschöpft unter dem Baum nieder. Erst jetzt bemerkte sie, dass die Dämmerung bereits einsetzte. Die Sonne ließ sich glutrot am Horizont nieder. Sie saßen unter dem Baum, dessen Wurzeln teilweise außerhalb der Erde lagen und mit saftigem Moos bedeckt waren, die Krone sah von unten betrachtet riesig aus und die Blätter hatten eine kräftig grüne Farbe. Nelli liebte Bäume und dieser strahlte eine unglaubliche Kraft und Ruhe aus. Es war als würde der Baum ihr Halt geben, während sie das wunderschöne Farbenspiel des Himmels bei dem herrlichen Sonnenuntergang betrachtete. Nelli schmiegte sich in Rons Arme und als die Sonne völlig am Horizont eintauchte, fielen den Beiden die Augen zu.

 

Nelli rieb sich vor Verwunderung die Augen. Sie stand in einem wunderschön angelegen Steingarten, durch ihn hindurch plätscherte ein kleiner Bach und einige Meter von ihr entfernt stand inmitten des Gartens eine Bank auf der eine alte weise Frau saß. „Ich kenne dich“, sagte Nelli erfreut, „Wo bin ich hier und wie bin ich hier her gekommen?“ Die weise Frau grinste: „Du bist in dir, in deinem Garten, mit all deinen Werten.“ – „Meinen Werten? Ich sehe nur Steine, auch wenn dieser Garten wunderschön angelegt ist.“ Die weise Frau mit den silbern glitzernden Haaren nickte Nelli zu. „Du meinst die Steine sind meine Werte?“ – Nickend und mit einem Lächeln im Gesicht erklärte sie Nelli: „Jeder dieser Steine steht für einen Wert, es gibt große und kleine, wichtige und weniger wichtige Werte, aber wie du siehst hast du eine Menge davon. Schau sie dir in Ruhe an. Es ist an der Zeit, dass du dir bewusst wirst, was dir alles wichtig und wertvoll ist.“ – „Aber … das sind so viele, wie weiß ich, was davon wirklich wertvoll und wichtig ist? Welcher eine besondere Bedeutung für mich hat?“, fragte Nelli staunend. – „Spür in dich hinein, lass dich von deinen Sinnen und Gefühlen leiten und vor allem folge dem Ruf deines Herzens und du wirst erkennen, was zu tun ist.“ – Nelli kannte diesen Satz, er begleitete sie schon sehr lange, als sie ihn hörte, spürte sie ein wohlig warmes Gefühl, welches von einem leichten Pochten begleitet wurde, in ihrer Magengegend aufsteigen. Sie legte ihre Hand auf ihren Bauch und begrüßte dieses Gefühl mit einem Lachen.

 

Also schaute sich Nelli die vielen verschiedenen Steine, die für ihre Werte standen an. Sie nahm den ein oder anderen vorsichtig hoch und betrachtete ihn genau und legte ihn behutsam an die Stelle zurück, von der sie ihn entnommen hatte. Sie fühlte aus irgendeinem Grund, dass sie die wichtigsten Werte in eine Reihenfolge, in eine Hierarchie bringen sollte. Bei dieser genauen Betrachtung wurde ihr bewusst, dass nicht alle Werte in verschiedenen Kontexten gleich wichtig waren. Es gab Werte, die waren für sie selbst besonders wichtig, jedoch für ihre Arbeit waren sie weniger bedeutend. Auch für den Bereich Beziehung standen andere Werte an oberster Stelle. Bei manchen war sie sich unsicher, welcher Wert denn nun wichtiger sei. Seltsamerweise hörte sie dann immer die Stimme der weisen Frau, die sie fragte: „Welcher Wert ist dir wichtiger? Welchen wärest du bereit zu opfern, wenn du dich für einen entscheiden müsstest? Was genau, macht diesen Wert so wichtig für dich? Was verbindest du damit? Welche Bedeutung hat dieser Wert für dich?“ Diese Fragen erleichterten Nelli, die Werte in eine Reihenfolge zu bringen.

 

Das ein oder andere Mal war sie erstaunt, wie schwierig es war, die Werte in eine Hierarchie zu bringen, während es bei anderen Werten völlig klar war. Für sie selbst war ihr höchster Wert das Vertrauen, denn wenn sie sich selbst nicht vertraute, wurden alle anderen Werte fast bedeutungslos, sie konnten ihre Kraft nicht entfalten. Auch die Leichtigkeit, war für Nelli etwas sehr kostbares, ebenso „einfach sie selbst sein zu dürfen“. Es war als wirbelten die Werte nur so umher: Achtsamkeit, Respekt, Vertrauen Treue, Wertschätzung, Ehrlichkeit, bedingungslose Liebe, Unabhängigkeit, Nähe, Freundschaft, Gleichwertigkeit, Leichtigkeit, Leidenschaft, Humor, Genuss, Zuverlässigkeit, Empathie, Verständnis, Anerkennung, Effizienz, Entwicklung, Sicherheit und noch so einiges mehr. „Wow“, dachte Nelli.

 

All das war für sie sehr spannend und sie wollte es unbedingt mit Ron teilen. Allerdings stellte sie sich auch die Frage, wie er wohl reagieren würde, wenn sie ihn mit dem Thema „Werte“ konfrontiert. Mit diesem Gedanken wachte sie auf. Als sie die Augen öffnete ging gerade die Sonne auf. Ron sah sie liebevoll an und sagte: „Du hast ja ganz rote Wangen, ist alles in Ordnung mit dir?“ Nelli grinste und fragte: „Hast du dich schon mal mit deinen Werten auseinandergesetzt?“ – „Wie meinst du das?“ – „Naja, was dir wichtig, wertvoll und kostbar ist und in welcher Reihenfolge deine Werte zueinander stehen.“, Nelli wusste nicht genau, wie sie für Ron ihre Gedanken in Worte fassen sollte, so dass er sie versteht, deshalb sagte sie: „Bitte unterbrich mich und frage nach, wenn du etwas nicht verstehst.“ Da Ron sie zärtlich nickend ansah erzählte sie ihm von ihrem Traum, von der alten weisen Frau, von dem wundervoll angelegten Steingarten und von ihren Werten.

 

„Leichtigkeit“, sagte Ron, „nachdem du mir all das beschrieben hast, was du mit diesem Begriff in Verbindung bringst und ich deine positiven Gefühle förmlich spüren konnte, bekommt das eine etwas andere Bedeutung für mich Du prägst den Begriff anders… ja, du prägst ihn neu für mich.“ Nelli staunte: „Wie hast du diesen Begriff früher definiert?“ – „Na ja, leicht und bequem, eher negativ, sogar faul würde mir dazu einfallen. Aber das passt nicht zu deiner Definition und vor allem nicht zu den Gefühlen, die du damit verbindest.“ – „Es ist wunderschön, sich mit dir darüber zu unterhalten und ich finde es wichtig. Dadurch kann ich deine Sichtweise erkennen und verstehen.“ – Ron sah sie an und sagte: „Mir fällt gerade nichts ein, dass wichtiger sein könnte. Ich möchte dich kennen lernen und verstehen, was du denkst und fühlst.“ – „Ja, selbst wenn man ähnliche Werte hat, oft verbindet man andere Dinge damit. Was für den einen positiv und wertvoll ist, erscheint dem anderen auf den ersten Blick vielleicht negativ, da er eine andere Art der Definition davon hat.“

 

Es ist wichtig, wertvoll und unglaublich kostbar sich mit den Werten des Anderen auseinander zu setzen. Wir alle haben eine andere Sicht- und Betrachtungsweise für die Dinge und Begriffe können eine unterschiedliche Bedeutung haben. Das beste Beispiel ist der Wert „Treue“. Was ist das überhaupt genau? Wie würdet ihr beschreiben, was Treue ausmacht und wann würde sie verletzt werden? Jeder von uns hat unterschiedliche Erfahrungen gemacht, ist mit verschiedenen Glaubenssätzen, Werten und Normen aufgewachsen, das ist der Grund für diese vielen verschiedenen Betrachtungsweisen, die verschiedenen Bewertungen für Begrifflichkeiten und worauf wir unsere Wahrnehmung richten. Dann treffen zwei Menschen aufeinander, die sich voneinander angezogen fühlen, die aber völlig unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben, meist völlig verschieden aufgewachsen sind und eine unterschiedliche Erziehung genossen haben und selbst wenn es auf den ersten Blick so scheint als würden diese beiden Menschen ähnlich ticken, so gibt es doch unterschiedliche Sichtweisen. Ich finde es spannend und sehr inspirierend, diese Unterschiede zu betrachten und vielleicht sogar neu zu bewerten. Und ja, es gibt bestimmt den ein oder anderen einschränkenden Zweifel. Soll ich das wirklich ansprechen? Was wird der Andere von mir denken? Wird er mich verstehen? Versucht es einfach, dann was kann schon passieren? Wenn der Andere mich nicht versteht, dann wird er nachfragen… oder etwa nicht?

 

 

Geschrieben von Ellen Brauner