Nelli, die kleine Tanzmaus - Teil 1

Nelli, die Tanzmaus…

 

Es war einmal in einem fernen Land…Dieses Land war ein Land des Tanzes und der Leichtigkeit. Es war wunderschön und eingehüllt durch Töne, die sich immer wieder zu neuen Liedern formten. Besiedelt wurde es von vielen Tanzmäusen, die eine besondere Art der Lebensfreude ausstrahlten.

 

In diesem Land lebte auch die kleine Tanzmaus Nelli, deren ganzes Leben aus Tanzen bestand. Sie liebte es, sich zu fast jeder Art von Musik zu bewegen, ihr Körper folgte mit einer Leichtigkeit jeglichem Beat, einfach so… ohne darüber nachzudenken. Sie ließ sich treiben vom Takt der Musik und ihr Körper folgte. Auch hatte die Tanzmaus einen unumstößlichen Glauben an das Gute in der Welt, denn in der Welt des Tanzes gab es keinerlei Gefahren.

 

Um dieses Land verlief eine Grenze in Form eines reißenden Flusses. Es gab lediglich eine kleine baufällige Brücke, die über den Fluss führte. Diese war leicht versteckt hinter Büschen und keiner der Mäuse war je auf der anderen Seite gewesen, da erzählt wurde, dass auf der anderen Seite böse Geister ihr Unheil trieben. Es begab sich aber, dass die Tanzmaus eine neue Melodie hörte… eine Melodie, die ihr völlig unbekannt war, die sie aber neugierig machte und förmlich in ihren Bann zog. Also folgte Nelli dem Takt dieser unbekannten Musik. Tanzend machte sie einen Schritt vor den anderen, bis sie schließlich am Fluss angekommen war. Sie spürte, dass die Musik aus dem Tal von der anderen Seite des Flusses kam und sie war fasziniert vom Takt, der durch ihren Körper strömte. Sie tanzte am Fluss entlang, da es für sie keinen Weg hinüber zu geben schien. Da stolperte sie plötzlich über einen Stein. Ihr Fuß pochte vor Schmerz und sie sank zu Boden. Da entdeckte sie die Brücke. Sie humpelte mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Brücke und setzte sich vorsichtig an den Rand, um ihren pochenden Fuß in das kühle Wasser halten zu können. So saß sie eine Weile einfach nur da und genoss das kühle Wasser an ihrem Fuß, während die Sonne ihre Haut wärmte. Und da war sie plötzlich wieder, diese Musik, die Nelli so in ihren Bann zog. Vorsichtig stand sie auf und bemerkte jetzt erst, wie baufällig die Brücke war, auf der sie sich befand. Sie spürte das erste Mal in ihrem Leben Angst. Diese Angst machte sie unsicher und raubte ihr die Leichtigkeit, mit der sie sich sonst durchs Leben tanzte. Das war wohl der Grund für ein paar ungeschickte Bewegungen, die die Brücke unter ihr gefährlich ins Wanken brachte. Es gab für Nelli nur eine Möglichkeit, um nicht in den reißenden Fluss zu fallen. Doch auf welche Seite sollte sie? Sie war verzaubert, von dem Takt der Musik auf der Seite des Tals, welches für sie völlig unbekannt war. Und was sollte ihr schon passieren, in einem Tal, das eingehüllt wurde in diesen bezaubernden Beat? Also nahm sie all ihren Mut zusammen und sprang auf die andere Seite, denn die Brücke unter ihr gab nach und wurde von dem reißenden Wasser mitgezogen. In letzter Sekunde schaffte sie es, das rettende Ufer zu erreichen. Als Nelli sich von dem Schreck erholt hatte, spürte sie wieder, wie die Musik durch ihren Körper strömte und ein Schauer lief über ihren Rücken. Erst jetzt bemerkte Nelli den kalten Wind und die vielen Steine im Tal, die es ihr erschwerten dem Takt dieser Melodie zu folgen. Sie musste achtsam sein nicht zu stolpern. Ihr Rhythmus, der ihren Körper normalerweise wie von alleine bewegte, kam ins Stocken und da war es wieder, das Gefühl der Unsicherheit, der ihren Geist erfüllte. Doch ihr Glaube an das Gute ließ sie weiter gehen, aber sie tanzte nicht mehr, sondern versuchte den Steinen auszuweichen.

 

Endlich im Tal angekommen hatte ihr Körper einige Schrammen von den Sträuchern, die mit Dornen besetzt waren und da sie es nicht mehr schaffte den Steinen auszuweichen, sammelte sie die Steine nun. Je mehr Steine sie zusammentrug, desto weniger konnte sie dem Taktgefühl ihres Körpers nachgeben. Es war als würde sie eine Mauer um sich errichten. Die bösen Geister hatten ihre Seele besetzt und der Tanzmaus die Leichtigkeit genommen. Die einzige Möglichkeit, die Nelli für sich sah um den Geistern zu entkommen, war diese Mauer, hinter der sie sich verstecken konnte. Jedoch nahm die Traurigkeit sowi das Gefühl der Unsicherheit und Angst die Stelle der Leichtigkeit in Nellis Seele ein. Die Melodie ihres Herzen war verstummt.

 

Nach dem Nelli ein paar Jahre im Tal verbrachte und sie es sich nicht mehr erlaubte zu tanzen, um keine weiteren Geister in ihre Seele zu lassen, erschien ihr im Traum ein Adler. Dieser führte die Tanzmaus an einen Ort, der tief in ihr begraben war und in dem die Melodie ihres Herzens wohnte. Dieser Ort war erfüllt von Musik und erleuchtet von einer Farbenpracht, die unendliche Wärme und Wohlempfinden ausstrahlte. Dort waren auch all ihre guten Gefühle, all ihre Schönheit, all ihr Charisma, ihre Stärken, Träume und Ziele zuhause. Nelli wurde durchflutet von einer Sehnsucht, die ihren ganzen Körper durchströmte. Der rote Strahl der Sehnsucht und des Vertrauens hatte einen blauen Rand. Dieser Strahl begann sich den Weg durch ihren geschundenen Körper zu bahnen. Beginnend im Zentrum ihres Bauches, hinaufwandernd über ihren Rücken, ihren Hals, den Armen, Händen und Fingerspitzen, hinauf zu ihrem Kopf, in alle Bereiche ihres Gehirns, bis hin zu den Haarspitzen. Beim zurückfluten, erfüllte der Strahl ihr Herz, durchwanderte ihren gesamten Bauch, das Becken, die Beine und Knie, bis hin zu den Fußspitzen. Dort angelangt bemerkte die Tanzmaus, dieses Zucken in den Füßen, das sie schon sehr lange nicht mehr gespürt hatte. Sie musste sich bewegen, zum Takt ihrer Herzensmelodie, durchflutet von dem Strahl des Vertrauens und der Sehnsucht. Jedoch bemerkte sie auch immer wieder das aufsteigende Gefühl der Unsicherheit und Angst. Sie fragte den Adler, wie sie aus ihrem sich selbst geschaffenen Gefängnis heraus kommen könnte. Der Adler lächelte ihr zu und sagte: „Du musst Frieden schließen, mit jedem deiner Stolpersteine. Und vergiss nicht, jeder dieser Steine hat auch eine andere Seite. Entdecke diese und benutze sie sinnvoll. Folge dem Ruf deines Herzens und du wirst erkennen, was zu tun ist.“ Danach verschwand der Adler so kraftvoll und schön anzuschauen, wie er gekommen war.

 

Nelli war verwirrt. Die Steine haben einen Sinn? Wie kann das sein? Die Steine haben ihr wehgetan. Jeder einzelne von ihnen hat seine Spuren hinterlassen und jetzt soll sie die Steine neu betrachten? Aber sie hörte auch immer wieder die Stimme des Adlers: „Folge dem Ruf deines Herzens und du wirst erkennen, was zu tun ist.“ Diese Stimme und der Strahl voller Sehnsucht, der ihren Körper bis in die tiefsten Regionen durchflutet hatte, gab ihr das nötige Vertrauen, auf die Melodie ihres Herzens zu hören.

 

Also begann sie, sich den ersten Stein anzuschauen. Es war nur ein kleiner Stein, aber mit messerscharfen Kanten. Als sie den Stein in die Hand nahm, ritzte sie sich am Finger und den Schmerz, der ihr wohlbekannt war, nahm sie kurz ein. Sie wollte den Stein schon wieder an die Stelle zurücklegen, an der sie ihn aufgehoben hatte, aber die Stimme des Adlers hallte in ihr nach. Also betrachtete Nelli die andere Seite des Steins und sie war überrascht. Diese Seite funkelte wundervoll im Sonnenlicht. Der Stein hatte viele kleine Kristalle, die sich in der Sonne spiegelten und hierdurch sogar ihre Augen funkeln ließen. Durch diese Erfahrung kam die Zuversicht zurück und Nelli begann, alle Steine genauer zu betrachten und neu zu bewerten. All diese Steine schienen einen Zweck erfüllt zu haben. Als sie einen nach dem anderen noch einmal in ihren Händen hielt, bemerkte sie, dass die Mauer, die sie gefangen hielt, verschwunden war. Sie konnte wieder klar sehen, denken und vor allem fühlen. Sie entdeckte, dass sie noch immer in der Nähe des Flusses war und sie gerne wieder in ihre Heimat zurück wollte. Doch wie sollte sie das schaffen? Die Brücke hatte sie vor ein paar Jahren zum Einstürzen gebracht und es gab keine andere Möglichkeit, den Fluss zu überqueren ohne ihr Leben zu riskieren.

 

Durch eine kleine Unachtsamkeit stolperte sie über einen ihrer Steine und entdeckte im Fall eine abgesenkte Stelle des Ufers. Es überkam sie ein Lachen, welches sie kaum abstellen konnte. Der Stolperstein hatte ihre Leichtigkeit bedeckt, die sich nun wieder in ihrer Seele ausbreitete. Nelli genoss ihren Anfall von Fröhlichkeit und Leichtigkeit und dabei kam ihr eine Idee. Sie könnte all die Steine zu der abgesenkten Uferstelle tragen und so versuchen über den Fluss zu kommen.

 

Das Gefühl der Angst entwickelte sich zu einem Gefühl der Achtsamkeit, das ihr half, bedacht und konzentriert die Steine zu sortieren und zu einem treppenartigen Gebilde zu stapeln. Ihre Steine, die ihr die letzten Jahre im Weg standen, halfen ihr nun auf das andere Ufer zu kommen. Und dies einzig, durch eine veränderte Art der Betrachtung bzw. eine andere Form der Bewertung. Dies erfüllte die Tanzmaus mit einem unendlichen Glücksgefühl. Als Nelli sicher das andere Ufer erreichte, hatte sie auch wieder Augen für die Schönheit ihres Landes. Das Land mit all seinen Facetten, Farben, Formen, Gerüchen. Ja, es gab sogar einen mild würzigen Geschmack, der ihre Zunge bedeckte. Und plötzlich hörte sie auch wieder etwas. Sie vernahm Musik, Stimmen und Lachen von anderen Mäusen. Ja, sie war angekommen. Sie war Zuhause. Zu Hause in ihrem ganz eigenen Land.

 

Sie hatte all ihre guten Gefühle wieder. Sie war erfüllt von Kreativität, Vertrauen und der Leichtigkeit die ihren Körper in Bewegung brachte. Sie hatte ihr Charisma wieder entdeckt, ihre ganz eigene Schönheit und wurde eingehüllt in die Melodie ihres Herzens. Ja, wer genau hinsah, konnte die rot und leicht bläulich schimmernde Hülle sogar entdecken. Erfüllt von ihrer wiedererlangten Leichtigkeit erlaubte sich Nelli auch wieder dem Takt der Musik zu folgen. Sie wagte es wieder zu tanzen. So nahm sie tanzend den Weg zurück in ihr Land auf… erst vorsichtig, mit kleinen feinen Bewegungen, die immer fließender, beschwingter und freier wurden. Schritt für Schritt tanzte sie sich zurück in ihr Leben. Es dauerte eine ganze Weile, bis sie ihr Land erreichte. Doch genau diese Zeit war nötig, voll und ganz der Melodie ihres Herzens zu folgen können und ihr das Vertrauen und die fast vergrabene, positive Sichtweise zurückzugeben.

 

Auf diesem Weg begegneten ihr wie zufällig andere Mäuse. Manche von ihnen gingen nur ein Stück mit ihr, andere begleiteten sie den gesamten Weg. Und jede dieser Mäuse brachte eine andere, ganz eigene Betrachtungsweise mit. Durch den Austausch mit diesen vielen Begegnungen, lernte Nelli andere Sichtweisen besser kennen und konnte noch mehr die Bedeutung ihrer Stolpersteine verstehen. All diese neuen Erkenntnisse saugte sie förmlich auf und erfreute sich an den vielen positiven Seiten ihrer gemachten Erfahrungen. Dies gab ihr die Gewissheit zurück, wie jede andere Maus auch, eine besondere Tanzmaus zu sein und sie lernte sich, so wie sie eben war, anzunehmen und zu lieben. Tanzend und mit all diesen positiven Eindrücken schloss sie Frieden mit sich und ihren Stolpersteinen und kam endlich in ihrem Land an.

 

Aus Freude ihrer Rückkehr richteten die anderen Tanzmäuse ein Fest für Nelli aus. Eine Feier mit ganz viel Musik und Rhythmus und da die Tanzmaus nicht anders konnte, ließ sie sich treiben und folgte ihren Bewegungen. Zu ihrem Erstaunen entdeckte Nelli unter all diesen vielen Mäusen ein Augenpaar. Es schien ihr, als würde dieses Augenpaar jeder ihrer Bewegungen folgen. Nelli war kurz verunsichert, aber die Leichtigkeit, die die Musik und der Tanz in ihr auslösten, war stärker. Sie gab sich dem Takt und ihren Bewegungen hin und dabei trafen ihre Augen immer öfter die des jungen Mäuserichs. Sie bemerkte, wie ihr dies mehr und mehr Freude bereitete. Erfüllt von Rhythmus und Selbstvertrauen, erwiderten sich ihre Blicke immer häufiger und sein Lächeln ließ sie wohlig erschaudern. Sein Lächeln und diese Augen, die direkt in ihre Seele zu blicken schienen, verzauberten Nelli und berührten sie auf eine ganz besondere Art und Weise, die ihr nicht bekannt war. Das Fest dauerte die ganze Nacht und Nelli fühlte sich so gut wie schon lange nicht mehr. Sie hatte nicht nur ihre Lebens- und Tanzfreude, sondern auch die Lust des Flirtens wiederentdeckt. Dies erfüllte sie mit großer Dankbarkeit und der Gewissheit, dass der Adler Recht hatte. Folge dem Ruf deines Herzens und du wirst wissen, was zu tun ist.

 

Wie die Geschichte weitergeht? Wir werden sehen. Das wird die Zeit entscheiden, denn Nelli hatte gelernt, dass viele Dinge im Leben Zeit brauchen um zu wachsen. Vor allem aber die Liebe braucht Zeit, um ihre volle Kraft zu entwickeln.

 

 

Geschrieben von Ellen Brauner